Geistes- und Sozialwissenschaften in der Medizin

Patienten erzählen über ihre Anliegen, und Ärzte legen Krankengeschichten an: Mediziner müssen Erzählungen schreiben und interpretieren können. Das ist eine von vielen Kernkompetenzen, die sie von Geisteswissenschaftlern lernen können.
Der Begriff «Medical Humanities» wurde Ende der 1950er Jahre in den USA eingeführt, als an einzelnen Universitäten die medizinische Grundausbildung durch geistes- und sozialwissenschaftliche Kurse erweitert wurde. Bis heute bilden die Medical Humanities jedoch ein wenig institutionalisiertes Feld, das sich vor allem über die Lehre und noch kaum über die Forschung definiert.
 
Unklar ist zudem, welches Fächerspektrum zum Tragen kommt. Medizinanthropologie und Psychologie gehören sicher dazu, wie aber steht es mit Ethik, den Rechtswissenschaften oder der Kunsttherapie?
Vor diesem Hintergrund lancierten die Akademien der Wissenschaften das Projekt «Medical Humanities». In einem ersten Schritt sollen die interessierten Wissenschaftler aus Medizin und Geisteswissenschaften in Tagungen und Workshops zusammengeführt werden. Weiterhin wird der Forschungsstand zu den «Medical Humanities» mit Blick auf die medizinische Praxis analysiert und valorisiert. Gestützt auf diese Vorarbeiten soll ein langfristiger Dialog zwischen Kultur- und Sozialwissenschaftlern sowie Medizinern angeregt werden.

 

Publikation «Medical Humanities in der Schweiz»

Seit der Bologna-Reform kommt in der Schweiz die Integration humanwissenschaftlicher Aspekte in die Ausbildung an den medizinischen Fakultäten und den Fachhochschulen Gesundheit in Gang. Die Akademien haben dies zum Anlass genommen, eine Umfrage zum Lehrangebot in Medical Humanities an Schweizer Hochschulen durchzuführen. In der vorliegenden Publikation wird diese Bestandesaufnahme nun veröffentlicht; die Publikation enthält auch die Kurzfassung einer Übersicht über die sozialwissenschaftliche Gesundheitsforschung in der Schweiz.
Download der Publikation

 

Veranstaltungszyklus zum Themenkreis «Intimität und Intrusion»

Im Rahmen von medizinischen Tagungen fanden drei Workshops unter dem übergreifenden Thema «Intimität und Intrusion» statt, die die Möglichkeiten des interdisziplinären Diskurses beleuchteten. Grundlage des psychiatrischen Workshops bildeten vier Fallgeschichten aus der Praxis, die jeweils auch aus sozial- oder rechtswissenschaftlicher Perspektive betrachtet wurden: Wie geht man mit einer Patientin um, die sich tagelang nicht duscht? Wie kann der Therapeut verhindern, dass seine Befragungen für einen schwer traumatisierten Patienten alles noch schlimmer machen? Die klare Rollenverteilung bei diesem Workshop förderte zwar die Fokussierung auf das Tagungsthema, akzentuierte aber auch die bestehenden strukturellen und fachkulturellen Differenzen: Die Referenten aus den medizinischen Wissenschaften wurden vornehmlich als Praktiker angesprochen, die Referenten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften als Beobachter und Interpreten der Fallbespiele in grösseren Zusammenhängen.

Der zweite Workshop «Intimität und Intrusion auf der Intensivstation» thematisierte eine der Folgen der Technisierung in der Medizin: die Patienten sind oft in ihrer Kommunikations- und Handlungsfähigkeit eingeschränkt, gleichzeitig wird der «nackte» Körper jedoch intensiv beobachtet. Im dritten Workshop «Konsultation und Sexualität jenseits von Viagra und Scham» stand das Perspektiventraining im Vordergrund. Die Sexualität wird oft mit dem Intimsten gleichgesetzt und markiert deshalb einen Raum, der auch im klinischen Alltag von vielschichtigen Berührungsängsten geprägt ist.

In allen drei Workshops zeichnete sich ab, dass vielen Ärzten und Pflegenden ein naturwissenschaftlicher Referenzrahmen nicht genügt, wenn sie die Leiden ihrer Patienten interpretieren und behandeln. Ihr Verständnis von Gesundheit und Krankheit bezieht auch soziale und kulturelle Faktoren mit ein. Die Workshops wurden von der Kulturwissenschaftlerin Sibylle Obrecht begleitet und in einem Bericht aufgearbeitet.

Bericht zu den Workshops (pdf, 689.3 KB)
 

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